Zu viele Erlebnisse, zu wenig Zeit

Wie sind jetzt den dritten Tag hier und haben eine sehr sehr hohe „Erlebnisdichte“. Das bedeutet, ich komme nicht nach mit Fotografieren, schon schwierig mit WhatsApp Status, und mit ordentlichen Blogbeiträgen sieht es schlecht aus.

Gestern Abend an 22 Uhr war auf der Straße vor dem Wohnkomplex („society“) eine Garba Tanzveranstaltung. Das Hauptaugenmerk liegt auf einer extremen Musik – und Basslautstärke. Dabei wiederholt sich ein Rhythmus – Pattern (das keinem geraden Metrum folgt) unendlich, und die Bumm-Schläge sind markerschütternd.

Binal ist aber grippekrank geworden und lag fiebernd im Bett. Da war der Lautstärkepegel nicht so toll. Die beiden Frauen im Haus haben von links und rechts kühlende Lappen aufgelegt und sich Sorgen gemacht, daß „wir“ die Maßnahmen als ungenügend sehen könnten. Als entscheidende Maßnahme gilt eine „injection“ aber bisher ist Binal mit einem Pillencocktail davongekommen.

Matthias und Kirit
Besuch des 500 Jahre alten Stufenbrunnens

Ich sehe gerade, ich habe gar keine guten Fotos zur Illustration. Aber hier ist noch eines.

Adalaj ni Vav, Ahmedabad

Unser Empfang bei Mummy

Der sehnliche Wunsch von Binal war es 11 Jahre lang, ihre Pflegemutter, von der sie im Alter von 21 Tagen aufgenommen wurde, wiederzusehen. Aber da erschien viele Jahre lang aussichtslos, ohne Pass, ohne deutschen Aufenthaltstitel, ohne Geld.

Doch alle diese Dinge hat Binal sich mit Ausdauer und gegen immer wieder andere Widerstände erkämpft. Und sie war im Vorfeld emotional stark durchgeschüttelt – hatte sie doch Ängste, es könnte etwas passieren oder ihre Ein – bzw. Ausreise verhindert werden. Nach vielen Jahren der permanenten Unsicherheit und dem Abhängigsein eine erwartbare Entwicklung.

Aber sie hat dann nach der Hochzeit in Windeseile die Reise geplant, Flugtickets gebucht und Matthias und mich auf unsere Anforderungen für die Einreise hingewiesen.

Die anderen Familienmitglieder wussten bescheid, daß Binal am Samstag kommt, aber Mummy nicht. Es sollte eine Überraschung für sie werden.

Hier könnt ihr die Begrüßung sehen.

Ankunft in Delhi

Nachdem wir uns in den wirklich engen Dreamliner von Boeing hineingequetscht hatten und endlich gestartet waren, nahmen wir noch das Essen zu uns und dann war es Zeit, zu schlafen. Aber ach, dieser Enge. Aber ach, die ganzen Lebenäusserungen der vielen Menschen – etwas hinter uns hatte ein Bartbewachsener Typ ganz ganz harte Attacken von knallenden Nießausbrüchen. Immer wieder.

Ca. 5 Ärzte aus dem Passagier-Aufkommen wurden zu einem Mädchen gerufen, dem es arg übel war. Alles zeigten großen Einsatz, kamen zu Konsilien zusammen, aber tun konnte man auch nichts.

Wir schliefen dann natürlich trotzdem alle (in sehr verrenkten Positionen) – aber ach, war das grauslich. Morgens um vier zum Sonnenaufgang wachten wir wieder auf.

Der ganze Vormittag war noch im Flugzeug zu verbringen. Dann kam Delhi in Sicht, und für Binal wurde es emotional. Hier ein Foto, wie sie von oben auf das Land blickt:

Kurz vor Delhi

Es war draußen ganz ordentlich warm, etwa wie im Hochsommer in Deutschland.

Wir haben unsere immigration Formalitäten gemacht, wozu auch neuerdings die Abnahme von Fingerabdrücken und biometrischen Fotos gehört, und dieses dann mit viel Warten überstanden.

Der Flughafen ist schön und flächenmäßig einfach riesig.

Delhi Airport

Mit unserem Gepäck mussten wir nun für den Inlandsflug Delhi – Ahmedabad einchecken, was schnell und problemlos ging (obwohl Matthias zwei Feuerzeuge im Rucksack nachgewiesen wurden, von denen er nichts wusste).

Im inländischen Teil des Airports ging es schon deutlich indischer zu, eine Unmenge von Verbindungen wurden mit kleinen Airbus A 320 bedient. Wir fuhren mit dem Bus aufs Vorfeld zum Einstieg.

Hier war ich schon extrem erschöpft, aber es kamen ja noch weitere Reisestunden dazu.

Noch ein paar Bilder aus dem Flughafen

Wir hatten viel Zeit und haben es uns gemütlich gemacht. Binal und ich hatten bequeme Kleidung mit und haben die auf dem Klo angezogen.

Der check-in war nicht gerade ein Erfolg, unsere 5 Gepäckstücke müssen sich nicht automatisch einliefern, sondern der Clerk musste es manuell machen. Aber wir haben uns nett unterhalten mit einem alten Pakistaner unterhalten, der dort seit 8 Jahren arbeitet.

Die Menge der verschiedensten Leute, Charaktere, Individuen ist ja auch immer wieder unterhaltsam zu beobachten. Leider bin ich dann konditionell schon sehr eingebrochen, d.h. ohne Mittagsschlaf bin ich ab 18 Uhr zunehmend echt erschöpft. Und jetzt fehlt mir das berühmte Nackenkissen für den Flugschlaf. How bad. I forgot to bring one beforehand and refused to pay 32 Euro for it at the airport.

Die Ausreisekontrolle dauerte für uns Deutsche nur 2 Minuten, die Ausländer mussten ewig warten. Matthias nutzte die Zeit für ein kurzes Training.

Jetzt, um 20.15 Uhr, sitzen wir am Gate in der Wartezone, die Crew (in Saris) ist bereits an Bord gegangen.

Sitzplätze im Flugzeug haben wir uns vorher online reserviert, das bringt uns gute Plätze nebeneinander. Ehrlich gesagt wird mir das wenig nützen, ich kann vor Erschöpfung einfach nicht mehr krauchen.

Hier die letzten Bilder von deutschem Boden.

Der Herr in der weißen Jogginghose…oh mei.

Wir warten aufs boarding

So, heute morgen pünktlich aufgewacht und das Packen zu Ende gebracht. Schlüssel an die Hausnachbarn übergeben, den letzten Kaffee getrunken, dann hat Matthias unsere 5 Koffer á durchschnittlich 20 kg nach unten getragen.

Von Mandy sind wir dann nach Leipzig zum Bahnhof gebracht worden, und das, obwohl sie einst heute selbst noch eine Reise machen wollte.

Stimmung nach Abreise im Auto: happy go lucky

Es war nicht wirklich leicht, die Rollkoffer und Rucksäcke im Bahnhof zu manövrieren. Auf dem Bahnsteig haben wir dann Abhi Patel und seine Tante Drusha getroffen, die mit uns dieselbe Reiseroute haben.

Bahnhof erfolgreich geentert

Der ICE nach Frankfurt war doch für gefüllt, hat uns aber nimmt gestört, wir fanden auch ohne Reservierung Sitzplätze. Allerdings sind aneinander gepresste Menschenmassen nicht gerade angenehm. Aber wir haben uns damit arrangiert. Die Reisezeit verlängerte sich um 20 min, aber das störte und nicht, wir hatten 6 Stunden Zeitpuffer.

Binal telefoniert mit dem baldigen Gastgeber, Kirit

Letzte Vorbereitungen

Drei Tage vorher (oder mehr?) haben wir angefangen zu packen. Wir beide (Binal natürlich vor allem!) haben ganze 5 Koffer gefüllt.

Die indischen Verwandten sollen auch wirklich reichhaltig beschenkt werden. 🙂

Matthias dagegen erklärte, mit einem einzigen Rucksack auszukommen, wo er etwas Wechselwäsche und die Drohne eingepackt hat.

Matthias checkt die Fahrpläne

Wir haben versucht, das Online-Boarding von Air India zu nutzen, haben alles ausgefüllt, haben unsere Wahlplätze bezahlt – und am Ende, ganz am Ende hieß es „Failure to process the request“

Wer weiß, wo der Fehler lag.

Unser Reiseveranstalter „Bollywood Travels“ kommuniziert per WhatsApp, auch erst einmal gewöhnungsbedürftig.

Wie wollten gerne der Familie ein schönes Fotoalbum der Hochzeit präsentieren – leider habe ich erst am Donnerstag Abend damit angefangen und bis 23 Uhr geklebt.

Am Freitag morgen lief dann nicht mehr viel.

Zum Schluss habe ich noch ein Hochzeitsalbum komplettiert

Wir haben auch etwas illegale Ware eingepackt (Alkohol), das haben wir gut in den Klamotten versteckt. Diverse Formulare für die Visa, zur Bestätigung unserer Gesundheit, auch die Bahntickets haben wir noch ausgefüllt und ausgedruckt.

Am Freitag um neun Uhr werden wir dann abgeholt und von der Schwägerin nach Leipzig zum Hauptbahnhof gefahren.

Auftakt zur Reise nach Indien

Seit Binal in Oktober 2016 ihre Heimatstadt Ahmedabad verlassen hat, war sie nicht mehr in Indien. Alle Familienereignisse hat sie verpasst, und alle Verwandten nur im Videocall gesehen.

Es war dann erst ab Juli 2026 durch die Ausstellung eines Aufenthaltstitels möglich, eine Reise nach Indien überhaupt ins Auge zu fassen.

Und nun, in wirklich kürzester Frist, hat Binal unsere Reise geplant und Flüge gebucht.

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Wo und wie Tagebuch schreiben?

Bisher nutzte ich Evernote für das Aufzeichnen von Erinnerungen, Reflektionen, Skizzen, Bildern etc. Ein gut designtes Tool mit vielen Optionen zum Strukturieren und teilen.
Doch jetzt: alles wird kostenpflichtig! Mehrere Geräte, mehrere Notizbücher, mehr als 50 Notizen – faktisch der Zwang zum Abo, welches satte 99 Euro pro Jahr kosten soll. (Für das erste Jahr wurde bisher ein Rabatt von 60% angeboten, aber was nutzt das?)

Das wird wohl nix mehr werden, ich bin da nicht betucht genug. Habe eine neue App entdeckt, die fast alles von Evernote auch bietet: Diarium.

Und die sieht top aus und kostet einmalig 9,90 €. Besser geht es ja nicht – nur funktioniert mein Google Pay nicht… tja, ist eben dumm.

Immer tiefere Gräben?

Es ist erstaunlich, wie die westlichen Gesellschaften sich im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte zu einer immer heftigeren Zweiteilung verändert haben.

Gewisse Themen entwickeln eine vorher nicht gekannte Spaltungskraft, ziehen das Interesse breiter Schichten magisch an und führen zu leidenschaftlichen, beinharten Diskussionen, die von einer friedlichen, toleranten Auseinandersetzung weltenweit entfernt sind.

Die eigene emotionale Vereinnahmung geht so weit, daß man Vertreter der Gegenmeinung nicht mehr ertragen kann, daß sich regelrecht Haßgefühle entwickeln, daß Freundschaften und Beziehungen zerbrechen, Familienfeiern gesprengt werden.

Beispiele für solche Themen sind

  • Masseneinwanderung/offene Grenzen
  • Pro/Contra Donald Trump
  • Bewertung des SARS-Cov2-Virus

Man könnte sicher noch mehr finden. Bei allen diesen Themen ist eine zivilisierte Diskussion anhand von Fakten nicht möglich. Selbst unter harmonisch verbundenen Familienangehörigen kommt es schnell zu krassen Aggressionen, die nur durch absolute Themenvermeidung behoben oder umgangen werden können.

Woran liegt das? Woher diese Leidenschaft?

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Wie sich das Leben ändern kann

Als ich zuletzt in diesem Blog aktiv war, hatte ich eine akute Manie.

Der nachfolgende ewig lange Absturz inklusive zweier Klinikaufenthalte hinterließ gewaltige Spuren. Mein Selbstbild, meine Identität haben sich verändert. Kein Selbstvertrauen mehr, dafür Scham über all‘ die verrückten Dinge, die ich geredet und angestellt hatte.

Es war eine Illusion, die Manie beherrschen zu können. Ich war definitiv außer Kontrolle und habe Menschen um mich herum grausam und bar jeder Realität behandelt, bedrängt und verurteilt. Nichts von dem,was ich wollte und was ich mir einbildete, war sinnvoll und real…eben typisch Manie.

Nachdem ich die schlimmsten Depressionen hinter mir hatte, hoffte ich, mir eine Rückkehr ins Leben erkämpfen zu können. Aber es lief nicht so wie ich es mir wünschte. Tiefe Ängste entwickelten sich, körperliche Symptome wie Verkrampfung und Schwindel wurden zur Regel. Mich zu irgendetwas zu motivieren war unglaublich schwer. Zudem fand ich noch nicht einmal Dinge, die ich tun könnte, ich traute mir ja überhaupt nichts mehr zu, konnte tatsächlich nicht mehr denken, nicht mehr lernen, mir auch nichts merken.

Auch war ich nicht mehr belastbar.

Von Berufstätigkeit konnte keine Rede sein. Erst einmal mußte ich mich wieder aufbauen. Gartenarbeit, Holz sägen, anderen bei ihren Projekten helfen, radfahren. Vielleicht würde ich wieder lernen zu leben…

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