Immer tiefere Gräben?

Es ist erstaunlich, wie die westlichen Gesellschaften sich im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte zu einer immer heftigeren Zweiteilung verändert haben.

Gewisse Themen entwickeln eine vorher nicht gekannte Spaltungskraft, ziehen das Interesse breiter Schichten magisch an und führen zu leidenschaftlichen, beinharten Diskussionen, die von einer friedlichen, toleranten Auseinandersetzung weltenweit entfernt sind.

Die eigene emotionale Vereinnahmung geht so weit, daß man Vertreter der Gegenmeinung nicht mehr ertragen kann, daß sich regelrecht Haßgefühle entwickeln, daß Freundschaften und Beziehungen zerbrechen, Familienfeiern gesprengt werden.

Beispiele für solche Themen sind

  • Masseneinwanderung/offene Grenzen
  • Pro/Contra Donald Trump
  • Bewertung des SARS-Cov2-Virus

Man könnte sicher noch mehr finden. Bei allen diesen Themen ist eine zivilisierte Diskussion anhand von Fakten nicht möglich. Selbst unter harmonisch verbundenen Familienangehörigen kommt es schnell zu krassen Aggressionen, die nur durch absolute Themenvermeidung behoben oder umgangen werden können.

Woran liegt das? Woher diese Leidenschaft?

Gab es – historisch gesehen – auch solche Zweiteilungen? Zuerst bräuchte man ja zwei unterschiedliche Ansichten zu einem bestimmten Thema. Mir fallen dabei folgende Gegensätze ein, die eine Art Unversöhnlichkeit in sich trugen:

  • mit dem Aufkommen des Christentums im Römischen Reich der Konflikt zwischen Christen und den Vertretern des bisher gültigen Glaubenssystems – heftigste Abwehr und Abwertung der Christen
  • mit dem Aufkommen der reformatorischen Bewegungen der Konflikt zwischen Katholizismus und reformierten Gläubigen, resultierend in brutalen Auseinandersetzungen (30j. Krieg, Hugenottenvertreibung)
  • mit dem Aufkommen des Kommunismus der Konflikt zwischen Kommunisten und Bürgerlichen, ob nun innerhalb eines Staates oder zwischen den zwei ideologischen Blöcken im Kalten Krieg

Diesen Konflikten gemeinsam ist, daß es dabei um religiöse bzw. weltanschauliche Unterschiede geht. Weltanschauung/Ideologie/ Glaubenssystem/Religion ist synonym zu betrachten.

Jeder Mensch braucht und benutzt ein Glaubenssystem, hängt einer Ideologie an. Das ist unvermeidbar.

Das Religiöse, die Grundüberzeugungen davon, wie die Welt und der Mensch beschaffen sind UND was Moral (ergo “Gut und Böse”) ist, macht den Wesenskern des Menschen aus. Wenn es an diese geht, dann kann man nicht emotional unbeteiligt bleiben.

Bei Religion geht es zudem in intensiver Weise um “Heil”. Wovon erwarten Menschen das Heil, daß also Dinge in Ordnung kommen, das Leben lebbar und bedeutungsvoll wird, Schmerz, Leid und Tod erklärbar und sinnbehaftet werden?

Über viele Jahrhunderte, seit der vollständigen Christianisierung, dürften nahezu 100% der Menschen das Heil aus dem biblischen Erlösungsversprechen, also von Gott her erwartet haben. Ebenso wurden moralische Standards auf einen göttlichen Katalog zurückgeführt, worüber eine schichtenübergreifende Einigkeit herrschte. Fürsten, Richter, Lehrer und Volksmasse saßen unter der gleichen Kanzel. Solange es also nicht um die Erlangung des Heils ging, konnte man über alle möglichen Themen diskutieren – es wurde nicht persönlichkeitsbedrohend, moralische und heilsbetreffende Grundlagen blieben die gleichen.

Sobald neue Ideologien mit anderen Heilsversprechen und -herleitungen ins Spiel kamen, wurde es emotional mit Tendenz zu Haß und Kampf auf Leben und Tod. Aufklärung und Kommunismus verwarfen jede jenseitige Hoffnung und versprachen sich das Heil von Naturwissenschaft, Technik und Medizin. Gesellschaften können nicht funktional mit einer Aufteilung zwischen biblischer Heilsvorstellung und aufklärerisch-linker (kommunistischer) oder auch nationalsozialistischer Heilsvorstellung existieren.

Das Christentum hat einen stark deeskalierenden Charakter, weil es das Heil außerweltlich sucht und verspricht, so daß innerweltliche Gegebenheiten nicht an die Substanz der eigenen Person, des eigenen Weltbildes gehen. Wissenschaftsgläubigkeit und kommunistische Ideologie lehnen immaterielle und außerweltliche Tatbestände ab und sind daher gezwungen, diesseitige Verhältnisse und Tatbestände zu einem Heilsersatz zu machen. Die meisten Anliegen der Linken sind heilsvermittelnd und haben Erlösungscharakter.

Diese Dinge kann man nicht mehr sachlich und faktenbasiert diskutieren, da es hier um alles, nämlich das religiöse Heil, geht. Es werden auch abgeleitete Kategorien angewendet, die astrein religiösen Charakter haben.

Solche Kategorien wären z.B. “Sünde” (im Sinne von “Klimasünder”) oder “Leugner” (im Sinne von “eine heilige Wahrheit verleugnen”) oder “Buße” (im Sinne von “Ablaß als Wiedergutmachung zahlen”), usw.

Moderne Glaubenssysteme haben ihre eigenen Dogmen, die auch genau so behandelt werden. Verstöße und Hinterfragung derselben sind Sakrilege, erregen höchsten Zorn, Ekel und haßerfüllten Widerspruch. Solche Dogmen wären z.B.:

  • Der Mensch verändert egoistisch/sündhaft das Erdklima, so daß die Erde untergehen muß.
  • Der Mensch hat ein Patriarchat errichtet, in dem Frauen nur Nachteile und Männer nur Vorteile haben.
  • Es ist möglich, Geschlecht zu ändern, zu transformieren, frei zu wählen, aber es ist nichts biologisch determiniert.
  • Unterschiedliche Ergebnisse verschiedener Gruppen beruhen stets auf Diskriminierung und Benachteiligung, Gerechtigkeit definiert sich als Gleichheit von Ergebnissen.

Im Vergleich zum Christentum “neue” Ideologien definieren Gut und Böse anders. Zudem gibt es keine höhere Macht, die dem Guten zum Sieg verhilft (wie z.B. der biblische Gott), so daß man gezwungen ist, selbst für den Sieg des Guten zu kämpfen, je religiöser man veranlagt ist, desto fanatischer.

Die Weltdeutung, die gesamte Fakteninterpretation unterliegt keiner Objektivität, sondern einer ideologisch geformten Sichtweise. Das heißt, die gleiche Faktenlage sieht für ideologisch konträr geprägte und interpretierende Menschen völlig gegensätzlich aus. Die eine Seite hat Abtreibung für immanent gut, die andere für böse erklärt. Die eine Seite hat Auflösung von nationalen Entitäten für gut, die andere für böse erklärt. Die eine Seite hält das Maskentragen für ein Tugendzeichen, die andere Seite für ein Unterwerfungssignal.

Die religiöse Inbrunst, mit der die Dogmen verteidigt werden und mit der jede(r), der die Dogmen ablehnt, gehaßt und bekämpft wird, ist der tiefere Grund für die extreme Spaltung, die sich ausbreitet. Der religiöse Kern der Person kann nur emotional aufgeputscht reagieren, wenn seine Dogmen bedroht sind. Der absolut irrationale Trump-Haß ist ein sehr gutes Beispiel dafür: religiöser Eifer gegen einen Häretiker und Ketzer.

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